NRW: Von der Kohle zur KI und von der KI zur „Kohle“
Am 1. Oktober 2025 trafen sich in Bonn führende Köpfe aus Wirtschaft, Forschung und Politik zur KI.NRW-Jahrestagung. Sie diskutierten, wie Europa im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eigenständig und wettbewerbsfähig bleiben kann. Im Mittelpunkt standen der „European Way of AI“, Beispiele aus Nordrhein-Westfalen und ein Ausblick auf KI-Trends bis 2030.
KI in Europa: Der eigene Weg

Europa steht 2025 vor rasanten KI-Entwicklungen. Paul F. Höller vom NRW-Wirtschaftsministerium forderte im Panel „Stronger together: Shaping the European Way of Applied AI“ mehr Eigenständigkeit und Zusammenarbeit. Während die USA vorpreschen und Asien eigene Strategien verfolgt, sieht er Chancen für „AI made in Europe“. Europas Stärke liege in vertrauenswürdiger, verantwortungsvoller KI, die auf europäischen Werten und Regulierungen basiert. Dr. Frauke Goll vom appliedAI Institute betonte die Bedeutung grenzüberschreitender Kooperation. Projekte wie der KI-Supercomputer Jupiter oder Microsofts Investitionen ins Rheinische Revier zeigen, dass Europa bereit ist, in Infrastruktur und Grundlagen zu investieren. Dr. Christian Temath, Geschäftsführer von KI. NRW, fasste die Aufgabe zusammen: Europa und NRW müssen eine eigene KI-Marke aufbauen und technologische Souveränität sichern. Es gehe darum, aus dem Schatten der Tech-Giganten zu treten und einen eigenständigen Weg zu finden.
DeepL – von NRW an die Weltspitze

Ein Highlight war die Keynote von DeepL. Stefan Mesken, Chief Scientist, zeichnete die Erfolgsgeschichte des Kölner Unternehmens nach. Mesken erläuterte, welche Strategien DeepL zum Durchbruch geführt haben und gab zugleich Tipps für KI-Startups in Europa. Ein Schlüssel zum Erfolg sei die Fokussierung auf exzellente KI-Kerntechnologie – in DeepLs Fall neuronale maschinelle Übersetzung – kombiniert mit einer konsequenten Produktorientierung. DeepL diente als Motivationsbeispiel, dass KI-Exzellenz auch aus Europa heraus international führend sein kann.
Praxis: KI im Stahlwerk, in der Produktion und bei der Müllabfuhr

Besonders greifbar wurden KI-Potenziale in den Pitching Sessions – Projekte quer durch traditionelle Branchen. Drei Beispiele zeigten, welche Mehrwerte KI bereits heute in NRW schafft:
- Stahlindustrie: NEUROLOGIQ und Elexis steigerten bei thyssenkrupp Steel die Effizienz einer Feuerverzinkungsanlage – mit jährlich rund 500.000 € zusätzlicher Wertschöpfung.
- Automotive: Fraunhofer IAIS und MAN Truck & Bus präsentierten ein Computer-Vision-System, das Lackfehler und Dellen automatisch erkennt – ein Schritt zu höherer Qualitätssicherung.
- Kommunen: Die Stadt Bergkamen und das Start-up EDGITAL zeigten, wie KI die Straßenerhaltung smarter macht. Müllfahrzeuge mit Kameras werden genutzt, um Straßenschäden erfassen und per KI analysieren – effizient, kostensparend und sicherheitsfördernd.
Die Beispiele zeigen: KI ist längst Realität. Überall, wo große Datenmengen und komplexe Abläufe zusammenkommen, steigert sie Effizienz und verbessert Entscheidungen. Wichtig ist dabei oft Teamwork: KI-Start-ups treffen auf Domänen-Know-how etablierter Akteure, und gemeinsam entstehen Lösungen, die allein nicht denkbar gewesen wären.
Das KI. Forum lieferte auch Anschauungsmaterial zum Anfassen – ein Rundgang durch die Exponate-Area ermöglichte es den Teilnehmenden, mit Entwicklern ins Gespräch zu kommen und Technik live zu erleben.
Von Quick Wins zur KI-Strategie: Experimentieren, lernen, konsequent Mehrwert schaffen

Neben den Use Cases wurde strategisch diskutiert: Wie sollen Unternehmen KI einführen, um nachhaltigen Nutzen zu erzielen? Im Panel „Value add first: Wie sich nordrhein-westfälische Kernbranchen mit KI neu erfinden“ berichteten Firmen von ihren Erfahrungen. Kernbotschaft: Nicht jedes Unternehmen braucht eine eigene KI-Abteilung – wohl aber einen Plan. Gerade Mittelständler können von den „Großen“ einiges abschauen, etwa bei der Auswahl sinnvoller Anwendungsfälle, beim Aufbau von KI-Prozessen oder im Umgang mit Mitarbeitern und Betriebsräten.
Claudia Pohlink (FIEGE Logistik) und Mark Klein (ERGO Group) betonten, wie wichtig schnelle Erfolge („Quick Wins“) sind, um Skeptiker zu überzeugen. Gleichzeitig dürfe man das große Ziel nicht aus den Augen verlieren. Margret Seeger (Rheinische Post Mediengruppe) hob hervor, dass KI-Anwendungen Geschäftsnutzen bringen müssen – durch Automatisierung, neue Produkte oder bessere Entscheidungen.
Ein zentraler Punkt war die Einbindung der Belegschaft. KI-Projekte scheitern oft nicht an der Technik, sondern an Akzeptanzproblemen. Die Panelisten empfahlen, Mitarbeiter früh einzubeziehen und weiterzubilden. Dr. Iris Heilmann (Palmer Hargreaves) betonte, wie wichtig transparente Kommunikation über Chancen und Grenzen der KI ist. Auch Betriebsräte sollten früh eingebunden werden, vor allem wenn KI Arbeitsprozesse verändert.
Die Experten rieten, Experimente zu wagen. Viele Unternehmen in NRW haben in den letzten Jahren KI-Piloten getestet. Jetzt gilt es, erfolgreiche Ansätze zu skalieren und ineffektive Ideen schnell zu verwerfen („fail fast“). Entscheidend sei, jetzt zu starten – mit kleinen Projekten und großer Offenheit. Wer zögert, riskiert, den Anschluss zu verlieren.
Rasantes Tempo und große Transformation – aber auch Unsicherheit
Die Teilnehmenden waren sich einig: KI entwickelt sich in atemberaubendem Tempo.
Alle paar Wochen ein neuer Durchbruch – doch gleichzeitig ist vieles ungewiss. Diese Dualität prägte die Diskussion: Wir sind schon weit – und gleichzeitig erst am Anfang.Klar ist: Nichtstun ist keine Option. Trotz aller Unwägbarkeiten müsse man jetzt Erfahrungen sammeln. Probieren, pilotieren, lernen – dieses Mindset ist wichtiger denn je. Denn die KI-Revolution findet statt, ob wir bereit sind oder nicht. Lieber aktiv mitgestalten, als später hinterherzulaufen.
Ausblick 2030: KI als Zukunftstechnologie – gekommen, um zu bleiben
Prof. Christian Bauckhage vom Lamarr-Institut wagte den Blick nach vorn. Bis 2030 wird KI vom Buzzword zum festen Bestandteil aller Branchen. Laut Bitkom halten 73 % der Unternehmen KI für die wichtigste Zukunftstechnologie.
Herausforderungen bis 2030:
- Generative KI entwickelt sich zu vernetzten Agentensystemen.
- Der AI Act fordert Transparenz und Sicherheit.
- Infrastruktur wie der Supercomputer Jupiter wird entscheidend.
- Bildung und Kultur bleiben Schlüssel zum Erfolg.
Fazit: KI ist gekommen, um zu bleiben. Wer vorne mitspielen will, muss jetzt handeln – Europa eingeschlossen.
Links
KI.NRW Forum : https://www.kiforum.nrw
Lamarr-Institut: https://lamarr-institute.org/
Bitkom: https://bitkom-research.de/
Projekt EDGITAL – Smarte Straßenerhaltung in Bergkamen: https://edgital.io/
NeurologIQ bei thyssenkrupp – KI in der Feuerverzinkung: https://neurologiq.com/
Fraunhofer IAIS – Computer Vision in der Fahrzeugproduktion: https://www.iais.fraunhofer.de/
Hinweis: Texterstellung mit Unterstützung von ChatGPT und WSKI; Fotos: Andrea Quaß


